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Gutterson - ausgestopft

 

Liebe zu Kuscheltieren

 

Das Stück "Ausgestopft" auf der Studiobühne

Heike Marx in der Rheinpfalz v. 4.12.2006

Die Heimstatt des Experimentellen sind Studiobühnen. Mit ihrer Produktion "Ausgestopft" nimmt sich die Neue Studiobühne Ludwigshafen beim Wort und präsentiert de facto, wovon alle reden: ein work in progress. Die schräge Geschichte ist noch ein Hörspiel und schon ein Theaterstück.

"Ausgestopft" ist eigentlich ein Hörspiel. Die australische Autorin, Lehrerin und Radiomoderatorin Maree Gutterson wurde dafür 1999 mit dem International Radio Playwriting Preis der BBC ausgezeichnet. In der Studiobühne soll es nun ein Bühnenstück werden. Die Schritte dahin hält die Theatermannschaft für so interessant, dass sie in öffentlichen Aufführungen präsentiert werden. Bis zur nächsten Vorstellungsreihe im Februar soll sie sich, so Regisseur Mathias Wendel, weiter in Richtung Bühnenstück verändert haben.

Die Bühne ist ein Sammelsurium von Stühlen und anderen Sitzgelegenheiten. Geordnet stehen nur die Musikinstrumente links und ein zentrales Sofa in der Mitte, das wie ein erhobener Thronsessel in Augenhöhe auf Stützen ruht. Hier sitzt die Hundertzwanzig-Kilo-Frau Mutter McRae, plappert, futtert - am liebsten Schokolade, aber auch alles, was Pa liebevoll kocht - meckert, plappert, futtert. Kerstin Bueb sitzt dank optischer Nachhilfe einigermaßen voluminös. Ihren Text hat sie voll drauf, die anderen "lesen" und schwenken dazu Papierbögen. Und da ihr Tun hauptsächlich aus Sitzen besteht, wirkt die Hauptrolle schon ziemlich fertig. Die anderen sitzen meist in Zweiergrüppchen um sie herum; ihr zu Füßen oder etwas weiter entfernt. Haltung und Gestik, Auf- und Abgänge sind noch nicht ausgearbeitet. Daher und wegen des Fehlens einer deutlichen Raumgliederung und der dazu benötigten Requisiten sind die Situationen undeterminiert. Das Monströse, das sich mit bizarrer Selbstverständlichkeit als Norm behauptet, bleibt eine noch körperlose, nur gedachte Irritation.

Pa (Regisseur Mathias Wendel) und Sohn Paul (Ingo Wackenhut) sind eifrig bemüht, Ma ein schönes Leben zu machen. Sie kaufen ein, kochen, putzen, bedienen sie, sorgen sich, nehmen Rücksicht. Zum Ausgleich löst Pa Kreuzworträtsel und träumt von einer Reise, die er mit Ma machen will, obwohl die sich dazu gar nicht in der Lage sieht. Der 30-jährige Paul, arbeitslos und noch bei den Eltern, pflegt eine Beziehung mit Yvette (Judith Gabriel). Als Tochter eines Unternehmers packt sie die Dinge an. Paul verschafft sie einen Job; Mas Lebensweise will sie verändern, denn sie findet es nicht nur ungesund, sondern auch gruselig, bewegungslos unter ausgestopften Tieren zu leben. Aber Ma ist quicklebendig, wenn sie redet, und will keine Veränderung. Sie findet es schön, wie es ist. Schokolade essen trotz Diabetes, die Außenwelt durch Kuscheltiere ersetzen. Die sind ihr lieb und sie unterhält sich mit ihnen ganz so, als wenn sie noch lebendig wären. Stan (Linus Federspiel und ansonsten der Musiker) hat sie ausgestopft. Alle, die sie lebendig geliebt hat, ließ Ma ausstopfen und hat sie nun für immer für sich. Akustisch ist das schon gut, optisch noch nicht befriedigend gelöst.

Familienidyll erfüllt von Schnattern und Krächzen

Neue Studiobühne präsentiert Hörspiel "Ausgestopft"

Mannheimer Morgen v. 15. Dezember 2006

Als offene Probe ("Work in Progress") hat die Neue Studiobühne Ludwigshafen ihre aktuelle Arbeit konzipiert. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass Regisseur Mathias Wendel nonchalant die szenische Lesung "Ausgestopft" unterbricht und einen Passus wiederholen lässt, bis schließlich das gewünschte Ergebnis erzielt wird.

Fünf Akteure "spielen, hüpfen und singen" das preisgekrönte Hörspiel aus der Feder der australischen Autorin Maree Gutterson, wie es viel sagend in der Presseinformation heißt. Für die Besucher im Theatersaal des Bürgermeister-Reichert-Hauses bedeutet das, eineinhalb Stunden intensiv in den unheilvoll-grotesken Kleinfamilien-Kosmos der Mc Raes einzutauchen. Mutter McRae (Kerstin Bueb) bringt gut 130 Kilogramm auf die Wage und rührt sich kaum vom Sofa, der Vater (Mathias Wendel) löst Kreuzworträtsel und leidet unter Fernweh, Sohn Paul (Ingo Wackenhut) lebt auch mit knapp 30 Jahren noch zuhause.

Ein Leben, dass zunächst völlig normal erscheint, aber erschüttert wird, als Paul seine neue Freundin präsentiert, die Unternehmerstochter Yvette (Judith Gabriel) und diese beginnt, das trügerische Idyll in Frage zu stellen. Alles steuert damit allmählich auf eine Katastrophe zu, die durch den Tierpräparator Stan (Linus Federspiel) zu einem bizarren Ende geführt wird. "Ausgestopft" ist eine ungewöhnliche Inszenierung, bei der der die Akteure neben darstellerischen Qualitäten auch ihre Vielseitigkeit unter Beweis stellen. Die Tierstimmen ihrer ausgestopften früheren Haustiere etwa, welche die Mutter immer wieder heimsuchen - eine Kakophonie von Schreien, Schnattern und Krächzen - wird vom Ensemble eindrucksvoll live erzeugt.

Auch die von Linus Federspiel eingespielten Geräuschfragmente tragen einen wesentlichen Teil der Handlung. Teilweise wird der Text in statischer Haltung präsentiert, dann wieder mit körperlicher Darstellung ausgedrückt. Die Zuschauer sitzen nah der Bühne, sogar auf Stühlen darauf - man wird ein Teil des Schicksals der Familie McRae. Sicher ist "Ausgestopft" keine allzu leichte Kost, verstörend zumal, aber immer wieder auch voller Humor. Und eben zudem eine ungewöhnliche, eindringliche und in der unkonventionellen Inszenierung durch die Neue Studiobühne lohnenswerte Theatererfahrung. Weitere Aufführungen in offener Probe sollen im kommenden Februar im Reichert-Haus stattfinden.

 
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